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Aus dem Lesebuch für Städtebewohner – Die Gedichtsammlung im Kontext des Lehr-stückes .doc

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German
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Aus dem Lesebuch für Städtebewohner – Die Gedichtsammlung im Kontext des Lehrstückes

 

  1. Einführung

 

-          In den Jahren zwischen 1925 und 1928 setzte sich Brecht verstärkt mit gesellschaftlichen Phänomenen der Großstadt auseinander.

Zehn der in diesem Zeitraum verfassten Gedichte wurden von Brecht als Zyklus im zweiten Heft der ‚Versuche’ (1930) veröffentlicht. Wie schon die Hauspostille ist diese Veröffentlichung nur eine Teilpublikation seiner Gedichte.

-          Diese entstanden in einer literarischen Phase Brechts, in welcher er sich zunehmend dramentheoretischen Aspekten widmete.

-          So entstand 1929 das erste Lehrstück Brechts ‚Lindbergh’, welchem bis 1930 ‚Das Badener Lehrstück vom Einverständnis’, ‚Der Jasager und der Neinsager’ sowie ‚Die Maßnahme’ folgten.

-          Nach Aussage Vaßens scheint die Berücksichtigung des Lehrstück-Kontextes ein „zentraler Schlüssel zum Verständnis des Lesebuchs zu sein“. (Knopf, 2001, S.181)

  1. Definition Lehrstück

 

Theorie des Lehrstückes

„So wie Stimmungen und Gedankenreihen zu Haltungen und Gesten führen, führen auch Haltungen und Gesten zu Stimmungen und Gedankenreihen.“ (Brecht, 1997, S.116)

 

Theorie der Pädagogien

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Die erste theoretische Aufarbeitung des Themas Lehrstück wurde von Reiner Seinweg in seinem 1972 erschienenem Buch „Das Lehrstück“ vorgenommen. Auf der Grundlage Brechts Äußerungen über den Charakter des Lehrstücks werden dabei folgende Aussagen formuliert:

-          Basisregel des Lehrstücks ist das „Spielen für sich selber“, d.h. das Spielen ohne Publikum (Vgl.: Steinweg, 1976, S.87) > Das Lehrstück ist somit nur für „die Darstellenden lehrhaft“. (Knopf, 1980, S.419)

-          Das Lehrstück soll weniger von professionellen Schauspielern, sondern von Laien gespielt werden, welche Haltungen und Verhalten erproben sollen. (Vgl.: Knopf, 1980, S.419)

-          Neben den Basisregeln werden Realisationsregeln formuliert , welche das Lehrstück vom Schaustück abgrenzen:

-          Der Lehrstücktext soll nicht zur Gestaltung von (dramatischen) Individuen – einmaliger Charaktere - anregen, sondern es sollen lediglich Verhaltensweisen und Verhaltensmuster sowie Haltungen demonstriert werden. (Vgl.: Steinweg, 1976, 152f; Knopf, 1980, 419):

Erklärung:

a.)    Die Identifizierung des Darstellers mit der darzustellenden Figur soll unterbunden werden.

b.)    Eine Neubestimmung der Individualität ist aus gesellschaftlichen Gründen notwendig (zunehmende Vermassung).

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Ø  Brecht fordert die Verbindung zwischen Tat und Betrachtung: Das Tun soll gleichzeitig von Reflexion bestimmt sein.

Ø  Er fordert die Betonung des Produzierens (Produktion durch den Menschen) und möchte auf den Abbau der selbstbestimmten Produktion (Produktion durch Maschinen) verweisen, welcher die Selbstverwirklichung des Menschen verhindert.

Ø  Die Neubestimmung des Individuums soll auf sozialer und kollektiver Ebene erfolgen. <> Der Einzelne beutet die Masse aus; Die Masse wird bestimmt (kapitalistisch) vs.

Der einzelne möge seine Bedeutung von der Masse beziehen (marxistisch) > Man muss lernen wie man sich zu anderen verhält.

Ø  In den Lehrstücken treten die (marxistische) Lehre, das Denken, die Sprache hinter die Handlung zurück.

Es sollen die realen Erfahrungen des (oft sprachlosen) Proletariats künstlerisch umgesetzt werden.

(Vgl.: Knopf, 1980, S.420f)

  1. Übertragung der Lehrstücktheorie auf das Lesebuch

 

Ähnlich wie in den Lehrstücken stellen die Gedichte des Lesebuchs „eine Versuchsanordnung mit Mustern und Variationen dar, innerhalb derer eine >Fehlerdiskussion< stattfindet, orientiert an Verhaltensweisen und Situationen, die Entscheidungen verlangen.“ (Knopf, 2001, S.182)

 

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-          Es findet keine moralische Wertung der Ereignisse statt, es werden keine humanistischen Werte propagiert, sondern das Lesebuch ist vielmehr eine Beschreibung von Erfahrungen, Handlungsmustern und Haltungen, die das alltägliche Leben in der Großstadt prägen: „So rede ich doch nur, Wie die Wirklichkeit selber...“ (Brecht, 2001, S.165 (10)) „Die Sprache nimmt also die Wirklichkeit auf [...] und realisiert sie in einer ihr entsprechenden strengen, kargen Form.

Der freie Rhythmus [...], die Reimlosigkeit, die argumentierende, kausallogische Zweigliedrigkeit der Syntax [...wenn...dann...S.159], die vielen Pronomina [...und Imperative...] sowie die Metapherarmut [...entsprechen dem fehlenden Dekor der Städte...] und konstituieren den eindringlichen, Adressaten orientierten gestischen Ton dieser [...].“ (Knopf, 2001, S.186f)

-          Dabei wird auf zwei Formen der Lehre zurückgegriffen (Müller, 1985, S.84)

a.)    Direkt als Unterweisung (Anweisung zum realitätsgerechten Verhalten)

b.)    Im Exempel des richtigen bzw. falschen Verhaltens

-          Brecht verwendet dafür zwei Redegesten: Anrede in Form von ‚du’ und ‚ihr’: „Trenne dich von deinem Kameraden auf dem Bahnhof“ (Brecht, 2005, S.157 (1)) > Belehrung und Handlungsanweisung; Selbstdarstellung in Form von ‚ich’ und ‚wir’: „Ich bin ein Dreck.

Von mir kann ich nichts verlangen...“ (Brecht, 2005, S.160 (5)) > Selbstbehauptung, undiskutierbare Äußerung (Vgl.: Müller, 1985, S.86)

>> Dabei treten beide Typen des Redegestus oftmals innerhalb eines Gedichtes auf.

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>> Immer wieder wird in den Schlusssätzen darauf hingewiesen, dass die in den Gedichten angesprochenen Verhaltensweisen und Gesten von anonymen, in den Städten wohnenden Personen stammen: „So habe ich Leute sich anstrengen sehn.“ und „ Das habe ich eine Frau sagen hören.“... (Brecht, 2001, S.160,162 (4,5)).

Brecht nutzt dabei die rhetorische Figur der Wiederholung. >> Eindringlichkeit des Geäußerten, Hervorhebung der Entindividualisierung. Jeder, der in der Großstadt lebt, muss sich diesen Prozessen unterordnen, um zu überleben: „Ihr müßt euch ganz anders zusammennehmen, Daß man euch in der Küche duldet...

Man wird mit euch fertig werden“ (Brecht, 2001, S.164 (8))

>> Das lyrische ‚Ich’ ist als Wirken kein ‚Ich’, sondern es tritt als anonyme Person in Erscheinung, welche in das Kollektiv der Städte eingebunden ist.

-          Es existiert keine Individualität - Handlungsmuster und Verhaltensweisen werden beschrieben: „So sprechen wir mit unsern Vätern“ (Brecht, 2001, S.159 (3))

>> Die Gesetze der Großstadt bestimmen dieses Verhalten. Die Handlungsweisen sind durch die Umstände determiniert und liegen außerhalb des freien Entscheidungswillens. (Vgl.: Müller, 1985, S.88): „Die Städte dürfen sich ändern, aber du darfst dich nicht ändern“ (Brecht, 2001, S.159 (3))

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