Armut und psychosoziale Risiken für Kinder
1.
Einleitung
In dieser Hausarbeit setzen wir uns mit
der Frühförderung von Kindern auseinander, die in sozial randständigen und von
akuter Armut betroffenen Familien aufwachsen und laut Ulrich Bleidick so
drohenden Entwicklungsverzögerungen ausgesetzt sind.
„In gleichem Maße, in dem eine
Gesellschaft Pauperität, soziale Vernachlässigung und kulturelle Deprivation
bei Minderheitengruppen zuläßt, wächst auch der Anteil der mental Retardierten“
(Bleidick 1978, S. 210). Dieses Zitat verdeutlicht, dass Bleidick einen
deutlichen Vorwurf an unsere Gesellschaft richtet. Er ist der Ansicht, dass dem
Thema Armut in Verbindung mit psychosozialer Deprivation in Politik und Öffentlichkeit
nach wie vor nicht die Aufmerksamkeit entgegen gebracht wird, die es benötigen würde.
Auch Hans Weiss ist der Meinung, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit immer
noch stark tabuisiert wird, obwohl es zahlreiche Studien, unter anderem von
Bleidick gibt, die den deutlichen Zusammenhang zwischen sozialer Benachteiligung
und Behinderung belegen. Besonders in Großfamilien ist die Armut oft sehr hoch,
so Weiss: „Kindheit, insbesondere in größeren Familien, ist... in beiden Teilen
der Bundesrepublik, mit einem außerordentlichen Armutsrisiko verknüpft“ (Weiss,
H.: Kinderarmut als Entwicklungsrisiko: Wo bleibt die Frühförderung? in:
Frühförderung interdisziplinär 17, S. 82).
Auch
auf die Frühförderung hat dieser tabuisierende Umgang mit Armut und deren
Folgen Auswirkungen.
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2. Einstieg in das Thema
Armut und psychosoziale Risiken
2.1.
Was versteht man unter Armut?
In
der Europäischen Union gelten Personen als arm, „die über ein Einkommen von
weniger als der Hälfte des durchschnittlichen Pro- Kopf- Einkommens des
jeweiligen Landes verfügen“ (Chassé, K. A.: Armut in einer reichen Gesellschaft
in: Frühförderung mit Kindern und Familien in Armutslagen, S. 14). Die Armutsgrenze
liegt also bei 50 Prozent des durchschnittlichen bedarfsgewichteten
Haushaltseinkommens. Hierbei spricht man von der „relativen Armut“. Neben der
relativen Armut gibt es noch weitere Abgrenzungen von Armut. Liegt das
Einkommen bei 60 Prozent des durchschnittlichen Pro- Kopf- Einkommens, spricht
man von der „milden Armut“ liegt es bei 40 Prozent nennt man sie „strenge
Armut“. Von der „absoluten Armut“ spricht man, wenn der physische Erhalt des Lebens
bedroht wird. Diese Form existiert aber in den westlichen hochentwickelten Ländern
nur äußerst selten (vgl.: ebd.: S. 13).
Betroffen
von Armut sind heute neben alleinstehenden Arbeitslosen vorrangig kinderreiche
Familien. In diesen Familien entstehen oft große Nachteile für die Kinder. Armut
bedeutet „verzichten zu müssen auf (...) Güter wie Taschengeld, Geschenke,
Gestaltung von Geburtstagen usw.; es beinhaltet (...) Einschränkungen sozialer
Beziehungen, Verzicht auf Lerngelegenheiten, Restringierungen des
Familienlebens durch Verzicht auf Urlaub oder Ausflüge oder auch durch die enge
Wohnung“ (ebd.: S. 22).
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Phänomen“ (vgl.: Weiss, H.: Armut, Entwicklungsgefährdung und ²frühe
Hilfen² in: Frühförderung interdisziplinär 13, S. 146).
2.2
Was sind psychosoziale Risiken?
Unter
psychosozialen Risiken versteht man „psychische, soziale und ökonomische
Bedingungen in der Umwelt eines Säuglings oder Kleinkindes, die die Entwicklung
dieses Kindes beeinträchtigen und in solchem Maße hemmen oder stören können,
dass diese Kinder später deutliche Entwicklungsverzögerungen, Lernbehinderungen
oder Verhaltensstörungen zeigen“ (ebd.: S. 8).
Kinder
mit psychosozialen Risiken sind größtenteils Kinder, die im Schulalter eine Schule für Erziehungshilfe mit dem Förderschwerpunkt
„Emotionale und soziale Entwicklung“ oder eine Förderschule für Lernbehinderte
mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ besuchen.
Die
„Rahmenkonzeption zur Früherkennung behinderter und von Behinderung bedrohter
Kinder in Baden-Württemberg“ (SM Baden-Württemberg 1998, S. 9) führt folgende
psychosoziale Risikofaktoren auf:
·
deprivierende
Lebensbedingungen ( unzureichende Befriedigung der Grundbedürfnisse nach
Nahrung, Bewegung, emotionaler Sicherheit und kommunikativer Anregung)
·
psychische
Störungen der Eltern oder eines Elternteils
·
Überbelastung bzw.
Überforderung der Mutter
·
Alkoholismus /
Drogenabhängigkeit der Eltern
·
Häufung
ökonomischer Probleme (beengte Wohnung, Verschuldung, Sozialhilfe)
·
eingeengte
Handlungs- und Erfahrungsmöglichkeiten
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Diese
Risikofaktoren treten besonders in einkommensschwachen, armen Familien auf. Besonders chronische Armut kann die Entwicklung
eines Kindes enorm gefährden (vgl. ebd. S. 32). Diese
Tatsache wird durch zahlreiche Studien belegt (Gehrecke 1958, Begemann 1970,
1984, Klein 1973, 2001, Orthmann 1993).
Laut
Weiss sind folgende Probleme häufig in sozial benachteiligten Familien zu finden:
1.
Störungen der
Mutter – Kind – Interaktion,
2.
Kindesvernachlässigung,
3.
Gesundheitsgefährdungen,
biologische Risiken und Schädigungen
Trotz
etlicher Publikationen, zum Beispiel von Weiss, die das Thema „psychosoziale
Risiken“ und deren Auswirkungen auf die Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern
thematisieren, sind die daraus resultierenden „speziellen Bedürfnisse“ der Kinder
bislang nicht zu den bestimmenden Orientierungspunkten der Frühförderung geworden. Gerhard Klein macht einen „verhängnisvollen
Argumentationszirkel² für diese Situation verantwortlich:
„Das Fehlen von Frühfördermaßnahmen für Kinder, die im Schulalter als
lernbehindert oder verhaltensgestört gelten, wird oft mit dem Hinweis
begründet, dass man diese Behinderungen und
Störungen ja gar nicht so früh erkennen könne, darum sei auch keine
Frühförderung möglich. (...) Das Fehlen von Maßnahmen zur Früherkennung
wiederum wird damit begründet, dass es ja keine Frühfördermaßnahmen für diese
Kinder gäbe und somit jegliche Bemühungen um Früherkennung nicht sinnvoll wären
(Klein, G.: Ökologische und interaktionale Aspekte pädagogischer Früherkennung
in: Vereinigung für interdisziplinäre Frühförderung e. V. (Hrsg.):
Früherkennung von Entwicklungsrisiken, S. 29).
3. Wie wirkt sich Armut auf
die Entwicklung eines Kindes aus?
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Laut
Tony Mayr wirkt sich Armut sowohl prä-, als auch perinatal zunächst vor allem auf
die Gesundheit eines Kindes aus. Hauptsächlich dafür verantwortlich ist eine unzureichende
Ernährung, die oft einen erhöhten Mangel an notwendigen Nährstoffen wie z.b.
Vitaminen, Ballaststoffen, Kalorien etc. aufweist. Dieser Mangel kann beim Kind
zu Störungen des Längenwachstums und der Gewichtszunahme führen. Pränatal kann
eine Mangelernährung der Mutter, die zu Frühgeburten, Geburtskomplikationen und
zu einem niedrigen Geburtsgewicht führt, verantwortlich für die schlechte
Gesundheit des Kindes sein. Eine chronische Mangelernährung des Kindes kann
sogar zu einer Gedeihstörung führen, die hauptsächlich durch einen stetigen Kalorienmangel
verursacht wird. Weitere Faktoren, die sich negativ auf die Gesundheit der
Kinder auswirken, sind erhöhter Stress der Mütter, die geringe Nutzung der Vorsorgeuntersuchungen
und häufiger Konsum legaler und illegaler Drogen. Diese Einflüsse führen zu
einer erhöhten Anfälligkeit der Kinder für Krankheiten (vgl.: Mayr, T.:
Entwicklungsrisiken bei armen und sozial benachteiligten Kindern und die Wirksamkeit
früher Hilfen in: Weiss, H.: Frühförderung mit Kindern und Familien in Armutslagen,
S. 142).
3.2
Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung
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