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Anekdote
zur Senkung der Arbeitsmoral
In einem Garten, nahe
Münster liegt ein Mann auf seiner Liege und döst. Eine schick angezogener Vater
legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu
fotografieren: blauer Himmel, grüne Bäume mit friedlichen schneeweißen Blumen.
Klick. Noch einmal: klick. Und da aller guten Dinge drei sind und sicher ist sicher,
ein drittes Mal: klick.
Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Mann, der sich
schläfrig aufrichtet, schläfrig nach einer Zigarettenschachtel angelt; aber
bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Vater schon eine Schachtel
vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt,
aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schließt
die eilfertige Höflichkeit ab.
Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare
Zuviel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die
der Vater - der Landessprache mächtig - durch ein Gespräch zu überbrücken
versucht.
"Du wirst heute viele Bewerbungen."
Kopfschütteln des Sohnes.
"Aber man hat mir gesagt, dass jetzt die wichtigen Betriebe Bewerbungen
sehen wollen."
Kopfnicken des Schülers.
"Du wirst also nicht schreiben?"
Kopfschütteln des Sohnes, steigende Nervosität des Vaters.
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zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis.
"Und daher muss ich jetzt erst mal keine Bewerbungen mehr schreiben",
sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern. "Rauchen Sie eine von
meinen?"
"Ja, danke."
Zigaretten werden in die Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Vater setzt
sich kopfschüttelnd auf die Liege, legt die Kamera aus der Hand, denn er
braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen.
"Ich will mich ja nicht in deine persönlichen Angelegenheiten
mischen", sagt er, "aber stellen dir mal vor, du schreibest heute eine
zweite, eine dritte, vielleicht sogar eine vierte Bewerbung, und du würdest
drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Vorstellungsgespräche bekommen – stell
dir das mal vor."
Der Sohn nickt.
"Du würdest", fährt der Vater fort, "nicht nur heute, sondern
morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei, drei, vielleicht vier Bewerbungen
schreiben – weißt du, was geschehen würde?"
Der Sohn schüttelt den Kopf.
"Du würdest spätestens in 4 Wochen viele Vorstellungsgespräche haben, in 6
Wochen mehrere Zusagen, von Betrieben, die einen Vertrag mit dir unterschreiben
wollen und du könntest dir zwischen fünf, zehn, oder sogar zwanzig Betrieben
den besten aussuchen, bei dem du den Vertrag unterschreiben willst.", die
Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, "Du
würdest zu dem besten Betrieb gehen, viel Geld verdienen, viel Urlaub bekommen
- und dann...", wieder verschlägt die Begeisterung dem Vater die Sprache.
Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig,
blickt er auf die friedlich blasenden Wind, in dem die Blumen wehen. "Und
dann", sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache.
Der Sohn klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat.
"Was dann?" fragt er leise.
"Dann", sagt der Vater mit stiller Begeisterung, "dann könntest
du beruhigt hier im Garten sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Wetter
blicken."
"Aber das tu' ich ja schon jetzt", sagt der Sohn, "ich sitze
beruhigt im Garten und döse, nur dein Klicken hat mich dabei gestört."
Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Vater nachdenklich von dannen, denn
früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht
mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem sich
ausruhenden Sohn in ihm zurück, nur ein wenig Neid.
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