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Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral .doc

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Faculty
Human Science
Discipline
German
Document category
Homework
University, School
Hochschule Münster
Additional information
2010, Prof. Hermann Degendoff
Responsible User
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Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral

In einem Garten, nahe Münster liegt ein Mann auf seiner Liege und döst. Eine schick angezogener Vater legt eben einen neuen Farbfilm in seinen Fotoapparat, um das idyllische Bild zu fotografieren: blauer Himmel, grüne Bäume mit friedlichen schneeweißen Blumen. Klick.

Noch einmal: klick. Und da aller guten Dinge drei sind und sicher ist sicher, ein drittes Mal: klick.

Das spröde, fast feindselige Geräusch weckt den dösenden Mann, der sich schläfrig aufrichtet, schläfrig nach einer Zigarettenschachtel angelt; aber bevor er das Gesuchte gefunden, hat ihm der eifrige Vater schon eine Schachtel vor die Nase gehalten, ihm die Zigarette nicht gerade in den Mund gesteckt, aber in die Hand gelegt, und ein viertes Klick, das des Feuerzeuges, schließt die eilfertige Höflichkeit ab.

Durch jenes kaum messbare, nie nachweisbare Zuviel an flinker Höflichkeit ist eine gereizte Verlegenheit entstanden, die der Vater - der Landessprache mächtig - durch ein Gespräch zu überbrücken versucht.

"Du wirst heute viele Bewerbungen."
Kopfschütteln des Sohnes.
"Aber man hat mir gesagt, dass jetzt die wichtigen Betriebe Bewerbungen sehen wollen."
Kopfnicken des Schülers.
"Du wirst also nicht schreiben?"
Kopfschütteln des Sohnes, steigende Nervosität des Vaters.

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Dessen besorgter Gesichtsausdruck erscheint ihm als ein Ausdruck zwar unangebrachter, doch rührender Kümmernis.
"Und daher muss ich jetzt erst mal keine Bewerbungen mehr schreiben", sagt er, um des Fremden Seele zu erleichtern. "Rauchen Sie eine von meinen?"
"Ja, danke."

Zigaretten werden in die Münder gesteckt, ein fünftes Klick, der Vater setzt sich kopfschüttelnd auf die Liege, legt die Kamera aus der Hand, denn er braucht jetzt beide Hände, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen.
"Ich will mich ja nicht in deine persönlichen Angelegenheiten mischen", sagt er, "aber stellen dir mal vor, du schreibest heute eine zweite, eine dritte, vielleicht sogar eine vierte Bewerbung, und du würdest drei, vier, fünf, vielleicht gar zehn Vorstellungsgespräche bekommen – stell dir das mal vor."
Der Sohn nickt.
"Du würdest", fährt der Vater fort, "nicht nur heute, sondern morgen, übermorgen, ja, an jedem günstigen Tag zwei, drei, vielleicht vier Bewerbungen schreiben – weißt du, was geschehen würde?"
Der Sohn schüttelt den Kopf.

"Du würdest spätestens in 4 Wochen viele Vorstellungsgespräche haben, in 6 Wochen mehrere Zusagen, von Betrieben, die einen Vertrag mit dir unterschreiben wollen und du könntest dir zwischen fünf, zehn, oder sogar zwanzig Betrieben den besten aussuchen, bei dem du den Vertrag unterschreiben willst.", die Begeisterung verschlägt ihm für ein paar Augenblicke die Stimme, "Du würdest zu dem besten Betrieb gehen, viel Geld verdienen, viel Urlaub bekommen - und dann...", wieder verschlägt die Begeisterung dem Vater die Sprache.

Kopfschüttelnd, im tiefsten Herzen betrübt, seiner Urlaubsfreude schon fast verlustig, blickt er auf die friedlich blasenden Wind, in dem die Blumen wehen. "Und dann", sagt er, aber wieder verschlägt ihm die Erregung die Sprache.
Der Sohn klopft ihm auf den Rücken, wie einem Kind, das sich verschluckt hat.
"Was dann?" fragt er leise.

"Dann", sagt der Vater mit stiller Begeisterung, "dann könntest du beruhigt hier im Garten sitzen, in der Sonne dösen - und auf das herrliche Wetter blicken."
"Aber das tu' ich ja schon jetzt", sagt der Sohn, "ich sitze beruhigt im Garten und döse, nur dein Klicken hat mich dabei gestört."

Tatsächlich zog der solcherlei belehrte Vater nachdenklich von dannen, denn früher hatte er auch einmal geglaubt, er arbeite, um eines Tages einmal nicht mehr arbeiten zu müssen, und es blieb keine Spur von Mitleid mit dem sich ausruhenden Sohn in ihm zurück, nur ein wenig Neid.

 


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