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Abweichendes Verhalten .doc

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Social Science
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Educational Science / Pedagogy
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Theorien und Definitionen abweichenden Verhaltens

Abweichendes Verhalten bzw. Devianz ist „eines der Themen der Moderne“ (Fuchs/ Luedtke 2003: 7). In einer funktional differenzierten, verrechtlichten und institutionalisierten Gesellschaft herrscht eine erhöhte Regelungsdichte durch soziale Normen, die Verhaltenserwartungen an den Einzelnen stellen und bei Enttäuschung dieser Erwartungen auch negative Sanktionen vorsehen.

Auf der anderen Seite werden die Handlungsmöglichkeiten durch die Pluralisierung der Lebensverhältnisse, eine fortschreitende Individualisierung und die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Wandlungsprozesse in der so genannten zweiten Moderne (U.

Beck) weiter gesteigert. Hinzu kommen neue Optionen für Handlungen und Verhaltensweisen durch das globale Internet.

„So, wie die moderne Industriegesellschaft strukturiert ist, provoziert und produziert sie Devianz, schafft Bedingungen dafür“ (Böhnisch 2001: 11). Im Prinzip macht jedes Vorhandensein gesellschaftlicher Normen abweichendes Verhalten erwartbar.

In einem hoch regulierten gesellschaftlichen Raum werden Normverletzungen und Regelüberschreitungen indes immer wahrscheinlicher und durch die massenmediale Selbstbeobachtung der Gesellschaft zunehmend auch als Bedrohung wahrgenommen (Fuchs/Luedtke 2003: 7).

 

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„Zunächst muss jede Neuheit deviant sein, sonst wäre sie nicht neu, also anders als das, was vorher galt. Bemerkenswert ist dabei, dass das Streben nach Neuheit in unserer Gesellschaft nicht als bloße Abweichung, also als störend und lästig, verurteilt, sondern als Voraussetzung des Gefallens stilisiert wird.

Die Mode ist deshalb eine äußerst mächtige Form, Devianz erwartbar zu machen und zu domestizieren. [..]. Die Mode hat eine erstaunliche Fähigkeit, Gegenbewegungen zu absorbieren und in Trends umzuwandeln.“ 4

Unter der soziologischen Betrachtungsweise wurde der Devianzbegriff zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer Vielfalt von Theorieansätzen entwickelt und fortgeschrieben: Von den Klassikern der Devianzforschung (Anomietheorie von E. Durkheim 1893, weiterentwickelt von R.

K. Merton um 1938), über die Theorien des differentiellen Lernens (E.H. Sutherland 1939) und der Entstehung von Subkulturen (A.K. Cohen 1961) sind es insbesondere die interaktionistischen Theorien und der so genannte Labeling Approach (Etikettierungsansatz), die eine weite wissenschaftliche Verbreitung und Durchsetzung erfuhren.

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S. Becker beschreibt das Ergebnis dieses Zuschreibungsprozesses: „Abweichendes Verhalten ist Verhalten, das Menschen so bezeichnen.“ (Becker 1981: 8, zit. nach Peters 1995: 19)

„Abweichendes Verhalten tritt dabei als Resultat eines Zuschreibungsprozesses von Sinn zu einem gezeigten Verhalten auf. Es erscheint als Ergebnis eines die Möglichkeit zur Konformität sukzessive und zunehmend einschränkenden, die gesamte Person erfassenden Etiketts ‚Abweicher’, was dem Betroffenen keine andere Wahl lässt, als sich abweichend zu verhalten, sich damit abzufinden und letztlich eine abweichende Identität zu entwickeln, die mit der erwarteten Devianz in Einklang steht“ (Lamnek 1997: 80).

Aus dieser Perspektive wird abweichendes Verhalten in einem interaktiven und selektiven Prozess, bei dem es sowohl um Normsetzung als auch um Normanwendung geht, produziert.

Die Zuschreibungen sind dabei gruppen-, situations- und personenspezifisch. Während Durkheim noch Normen als „objektiv vorhandene, von Individuen unabhängig erfaßbare Daten“ ansah (vgl. Peters 1995: 18; Lamnek 1997: 79), treten nun die gesellschaftlich bedingten Prozesse der selektiven Produktion von abweichendem Verhalten in den Vordergrund.

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Lemert (1975) führte die Unterscheidung von primärer und sekundärer Devianz ein: Während die primäre Devianz sich auf alle abweichenden Verhaltensweisen bezieht, deren Ursachen sehr vielfältig sein können (psychische, physische, soziale Faktoren), entwickelt sich die sekundäre Devianz erst angesichts der gesellschaftlichen Reaktionen und Etikettierungen auf die beobachtete primäre Devianz.

Die sekundäre Devianz ist das Resultat eines Prozesses informeller oder formeller sozialer Kontrolle, der bis zur Stigmatisierung und zum Aufbau einer devianten Identität führen kann.

Die unterschiedlichen Definitionen abweichenden Verhaltens zeigen, dass wir es hier „mit einem Konstrukt und mithin mit einem Konstruktionsprozess zu tun haben, der vielfältigen sozialen, psychischen und institutionellen Einflussfaktoren unterliegt und in dem der Eigensinn und die Eigentätigkeit der fühlenden und handelnden Subjekte zwar eine wichtige, aber längst keine hinreichende Bestimmungsgröße darstellt“ (Böhnisch 2001: 14).

Beschreibungs- und Erklärungsansätze von Devianz liegen damit im Spannungsfeld zwischen der individuellen Mikro-, der gruppenorientierten Meso- und der gesellschaftlichen Makroebene.

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1. „Abweichendes Verhalten ist Normbruch.

2. Abweichendes Verhalten ist registrierter und dem Selbstverständnis des Abweichers nach Normbruch.

3. Abweichendes Verhalten ist dem Selbstverständnis des Abweichers nach Normbruch, ohne registriert sein zu müssen.

4. Abweichendes Verhalten ist Verhalten, das als Normbruch ‚registriert’ worden ist.“ (Peters 1995: 20)

Abweichendes Verhalten einzig unter Rückgriff auf Normen zu definieren, würde zu kurz greifen (vgl. Böhnisch 2001: 19; Lamnek 1993). In allen vier Definitionen ist der Normbezug entweder in der Selbstbeobachtung des sich abweichend Verhaltenden oder in der Fremdbeobachtung eines Registrierenden enthalten.

Mit Blick auf die Geltungsbereiche von Norm wird deutlich, dass als abweichend nur das Verhalten „weniger und/oder relativ machtloser Personen“ (Peters 1995: 20) gelten kann.

Massenhafte Abweichung und abweichendes Verhalten gesellschaftlich mächtiger Gruppen würden die Gültigkeit einer Norm, von der abgewichen wird, in Frage stellen. An dieser Konsequenz zeigt sich beispielhaft auch die Schwierigkeit, einen ausschließlich normorientierten Devianzbegriff auf Phänomene im Internet zu übertragen, worauf Denegri-Knott und Taylor (2005: 94) hinweisen:

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Ein juristischer oder moralischer Standpunkt hingegen wäre, dass dadurch bestehende Gesetze, also Rechtsnormen gebrochen bzw. der Gesellschaft ein Schaden im Hinblick auf musikalische Verbreitungswege zugefügt werden.

Die Normalität eines massenhaften Normbruchs wurde erst im Etikettierungsprozess der Medienindustrie und Wirtschaftspolitik in die Devianz des Raubkopierertums transformiert.


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